Die Ladung vom Gericht ließ mich nervös werden. Zwar war ich nur als Zeuge in einem mich eigentlich nicht betreffenden Verfahren geladen, aber es war mein erstes Mal. Sofort schossen mir angsteinflössende Bilder von riesigen in erdrückend dunkles Holz gehüllten Räumen mit schweren Holzmöbeln durch den Kopf, einem erhöht sitzenden und hammerschwingenden Richter, Reihen von kirchenähnlichen Holzbänken, in denen die Besucher des Spektakels teilnehmen, Gerichtsdiener die aus dem Saal heraus meinen Namen auf den Flur brüllten. Zumindest war dies das Bild, dass dem TV-Junkie aus diversen Krimiserien amerikanischer und sogar deutscher Produktion bekannt war. Die Realität sah natürlich ganz anders aus.
Ich bin gut eine halbe Stunde zu früh und blicke voller Ehrfurcht auf das alte Gerichtsgebäude, welches durch die modernen Anbauten und anhaltenden Bauarbeiten ein wenig an Charme verliert. Eine blonde, gepiercte Anfangszwanzigerin kommt mir halb weinend, halb schimpfend entgegen. Sie erfüllt das Klischee der “Barabara Salesch Laiendarstellerin”. Innen erwartet mich ein Schleusensystem mit Einlasskontrolle und Sicherheitscheck samt Metalldetektor. Beim Lächeln der Beamtinnen kommt mir kurz der Nacktscanner in den Sinn, letztendlich amüsieren sie sich wohl nur über meine sichtliche Nervosität.
Ich irre durch Etagen und Flure, mein Blick wandert zwischen der Ladung und den Schildern neben den Türen hin und her. Gefühlte 5 Kilometer später stehe ich der Tür mit der passenden Raumnummer. Wobei Raum hier ja nicht zutreffen kann, denn schließlich steht ein der Ladung “Sitzungssaal”. Neben der Tür hängt ein Monitor, auf dem vermutlich die für den Tag angesetzten Verhandlungen angezeigt würden, ständ dort nicht “Operating system not found”. Darunter hängt ein Blatt mit den Terminen. Da ich nicht sitzen kann, schlendere ich durch die Gänge.
Zuerst sehe ich den Zeugen der Gegenseite am anderen Ende des Gangs. Als auch er den Wartebereich vor dem “Sitzungssaal” erreicht hat, nimmt er grusslos Platz. Es folgen mein Chef und die Anwälte. Eine junge Frau kommt und ich denke, es ist eine der Damen aus den Verwaltungsbüros, die hier mit Akten unterm Arm dauernd durch die Gänge wuseln. Die Dame fordert alle Wartenden auf, ihr zu folgen. Ich trete als letzter durch die Tür und bin enttäuscht.
Ein kahler, weißer Raum mit billigen zu einem U aufgereihten Konferenztischen erwartet mich. In der Mitte als “Ü-Pünktchen” der einzelne Tisch für den Angehörten. An der Wand dahinter eine Reihe von ca. 6 Stühlen. Ende. Der Raum ist kaum größer als manches Wohnzimmer. Die eben erwähnte Dame schmeißt sich ihre Kutte Robe über und nimmt am Kopf Platz. Sie nimmt aber keinen Holzhammer, sondern ein Diktiergerät in die Hand. Alle werden begrüßt, die Zeugen belehrt, wieder raus geschickt. Kurze Zeit darauf verlässt mein Chef den Raum, verabschiedet sich und sagt, ich sei jetzt dran. Es werden Fragen zur Sache gestellt, der nächste Zeuge wird von seinem Anwalt hereingeholt und nach seiner Befragung werden wir entlassen und gehen.
Toll, alles vollkommen unspektakulär.Im Fernsehen wird man echt nur verarschtäppelt. Unglaublich …

