Der Antikarnevalist

Auch wenn ich mir nun zumindest in der Teilen der rheinländischen Bevölkerung keine Freunde mache, so muß es doch mal erwähnt werden: ich hasse Karnval.

Gut, das war nicht immer so. Als kleiner Junge liebte ich es, mit meinem Zorroumhang und dem Plastikdegen die Gegend unsicher zu machen, da einen aufgrund der schwarzen Maske auch niemand erkennen konnte (glaubte ich zumindest). Und natürlich füllte ich bei den Umzügen am Sonntag sowie am Rosenmontag immer gleich mehrere Tüten mit Süßigkeiten und billigem Plastikspielzeug. Was für ein Fest.

Doch mit den Jahren nahm die Begeisterung ab. Wir waren umgezogen und wohnten nun genau in der einer der Straßen, die von den Zügen heimgesucht frequentiert wurden. Sah ich dies in jüngeren Jahren noch als Vorteil, so ging es mir später immer mehr auf den Sack. So durfte man an den Umzugstagen immer sein vor der Tür geparktes Fahrzeug (Fahrrad, 80er oder Leichtkraftrad, später Auto) in Sicherheit bringen, wollte man es nach dem bunten Treiben noch in einem Stück vorfinden.

Gegen genau dieses bunte Treiben baute ich im Laufe der Jahre eine richtige Antipathie auf. Zum Beispiel gegen die spießigen Bankangestellten, die das ganze Jahr über ‘nen Stock im Arsch haben, zum Lachen in den Keller gehen und dann an Karneval eine rote Schaumstoffnase aufsetzen, besoffen merkwürdige Lieder mitgröhlen und alles küssen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Widerlich!

Rentner bewerben sich ebenfalls jährlich um den Titel “Ärgernis der Woche”. So war ich lange Zeit abstinent, doch mit Kindern zwingt einen die Gesellschaft geradezu, wieder an derartigen Veranstaltungen teilzunehmen. Wie gut, dass meine Mutter noch immer an der gleichen Stelle wohnt, so kann ich das Treiben aus der 3. Etage beobachten. Zumindest, wenn meine Frau mit den Kindern unten ist.

Doch genau vor dem Haus macht sich immer eine Gruppe Senioren breit – wobei breitmachen hier aufgrund der unzähligen mitgebrachten Flaschen billigsten Fusels durchaus wörtlich zu verstehen ist. Nun könnte man sagen “Lass sie doch so kurz vor dem Ende noch etwas Spaß haben.”, aber so einfach ist das nicht. Nicht nur das sie den Hauseingang blockieren, vollmüllen und was weiß ich, was noch alles, nein, sie drängen sich auch noch mit einer bei Rentner selten gesehenen Aggressivität vor unsere Kinder, um diesen die ersehnten Süßigkeiten vor der Nase wegzuschnappen. Vielleicht mag die Verpflegung im vom undankbaren Sprößling ausgesuchten Altenheim nicht die beste sein, aber deswegen solch ein Verhalten an den Tag zu legen, ist irgendwie befremdlich. Auch ein jahrelanges Bombardement mit Erbsen und diversen von Weihnachten übriggebliebenen Nüssen aus dem 3. Stock konnte die Rentnergang bislang nicht zu einem Wechsel des Standplatzes bewegen.

Ein weiteres Ärgernis ist die Jahreszeit, in der man mit spärlichen Kostümchen bekleidet in die Kälte gejagt wird. Mittlerweile schneit es ja meistens an Karneval. Wieso verlegt man Veranstaltungen, die zwingend draußen stattfinden müssen, denn nicht in die wärmeren Monate?

Doch was nützt das ganze Gejammere, die Kostüme für die lieben Kleinen sind schon gekauft (er, 10, irgendwas militärisches, sie, 4, natürlich Prinzessin) und somit stürzen wir uns auch dieses Jahr wieder in die Massen, um unsere Kinder vor Rentnern und betrunkenen Bankern zu schützen. Und am Aschermittwoch ist dann zum Glück alles wieder vorbei.

In diesem Sinne Alaaf oder Helau oder wie man bei euch zu rufen pflegt.

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9 Responses to Der Antikarnevalist

  1. Maik says:

    Boah, was ich diese erzwungene Fröhlichkeit hasse. Deshalb danke für diesen Beitrag…

  2. Marco says:

    Freut mich, wenn’s gefällt!

  3. Sascha says:

    Hey, ich war früher auch am liebsten Zorro :D

    Generell ist mir diese “Fröhlichkeit auf Abruf” auch zuwider, vor allem, weil es so mancher in den “dollen Tagen” dann doch arg übertreibt. Andererseits kann man an Karneval dennoch eine Menge Spaß haben, wenn man mit den richtigen Leuten feiert, von denen man weiß, dass sie nicht gekünstelt fröhlich sind, sondern die tatsächlich häufig gute Laune versprühen. Naja, und bei mir kommt noch hinzu, dass ich meine Freundin vor 4 Jahren auf dem Rosenmontagszug in Köln kennengelernt habe, weswegen ich dem Karneval- trotz der Abneigung gegen erzwungene Fröhlichkeit- natürlich nicht so ganz abgeneigt sein darf :)

  4. Jens says:

    Ich verweigere auch den Dienst an der Flasche am Rosenmontag!

  5. barbara says:

    da fehlt mir auch das Gen. Man muss wohl schon als Rheinländer geboren werden, um das lustig zu finden;-)

  6. Marco says:

    @Sascha: Zorro war der coolste Typ überhaupt. Allerdings habe ich noch die schwarz/weiß Fernsehserie gesehen (sowas zeigen sie heute ja nicht mehr) und nicht irgendso einen modernen Hollywood-Abklatsch …

    @Jens: nur an den anderen Tagen … ;-)

    @barbara: Da könntest Du es in Deiner Wahlheimat aber mit in die örtlichen Medien schaffen. Organisier doch mal was. ;-)

  7. ker0zene says:

    Karneval? Fürchterlich. Früher hatte ich meist Glück und ein Todesfall im weiteren Familienkreis untersagte das närrische Treiben. Heute verweigere ich mich auch ohne vorgeschobene Gründe. Bleibt mir mit dem Scheiss vom Halse.

  8. Marco says:

    Mist, ich dachte ich könnte das in Ihre Richtung auslagern. ;-)

  9. barbara says:

    @kerOzene

    schöner schwarzer Humor;-)

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