Traumberuf Trucker?

Jeder kennt die mit Klischees behaftete Fernfahrerromantik. In diversen Filmen wie z. B. Convoy wird diese sehr schön gezeigt. Die harten Kerle die mit ihren eigenen reichlich verzierten Trucks den Highway entlang brettern, eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich mittles CB-Funk über Meilen unterhält, vor den bösen Cops warnt, etc, etc.

Die (deutsche) Realität sieht da wohl ein wenig anders aus: ein Knochenjob, Termindruck im Nacken, wechselnde LKW, schlechte Bezahlung aufgrund der immer häufiger auftretenden “Ostkutscher”, die für 3,50 Euro / Stunde mit maroden Fahrzeugen alle Preise kaputt machen. Vom schlechten Ruf der Brummifahrer (Elefantenrennen, Ornanie am Steuer, etc.) mal ganz abgesehen. Infos zur Realität findet man sogar in Blogs, wie z. B. bei Maik, Sven oder Uwe.

[inspic=375,left,fullscreen,thumb]Und da hört man dann als Langezeitarbeitsloser bei einer Veranstaltung des Arbeitsamtes (ja, ich nenne die immer noch so), dass für Interessierte auch eine Umschulung zum Berufskraftfahrer möglich sei. Eigentlich nicht schlecht, da LKW-Fahrer ständig gesucht werden und man somit der Arbeitslosigkeit problemlos entfliehen könnte. Doch zu den oben erwähnten Nachteilen gesellen sich dann noch Argumente wie Familie mit 2 Kindern, nur am Wochenende zu Hause, usw. Hatte dies mit Sven auch schon mal diskutiert, taucht nun aber aktuell wieder als Thema auf.

Also stellt sich nun erneut die Frage: Einen Versuch wagen oder nicht?

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6 Responses to Traumberuf Trucker?

  1. Ralf says:

    Du musst ja nicht in den Fernverkehr gehen. Ich fahre z.B. ausschließlich Nahverkehr. Trotzdem kannst du dich dann schon mal vom 8-Stunden-Tag verabschieden. 9 Stunden Lenkzeit plus Arbeitszeiten (Be- und Entladen, Wartezeiten, Fahrzeugpflege, usw) sind völlig normal. Rechne also lieber mit 10-12 Stunden pro Tag. Und am besten mit 6 Tage die Woche. Denn als “Trucker” darf man ja 56 Stunden Lenkzeit pro Woche anhäufen. Wenn du Montags bis Freitags jeweils nur 9 Stunden Lenkzeit hattest, dann geht ja am Samstag noch was.
    Auch kannst du dich i.d.R. von festen Arbeitszeiten verabschieden. Bei uns fangen wir z.B. regulär um 7 Uhr an und haben um 16:30 Uhr Feierabend. Was aber nicht bedeutet das ich auch mal um 2, 3 oder 4 Uhr anfangen muss. Und auch mal bis 18 oder 19 Uhr arbeite.

    Gehalt ist natürlich Verhandlungssache. Reich wirste nicht, arm aber auch nicht unbedingt. Viele Betriebe bieten einen Lohn von 8.50 Euro/Std. Normal sind so um die 10 Euro/Std (Nahverkehr). Das hängt aber sehr stark davon ab was du kannst und wie viel Erfahrung du hast.
    In meinem ersten Job hatte ich 1.600 Brutto (Festgehalt), Überstunden wurden mit 10 Euro/Std vergütet. Dann hatte ich noch einen Job mit 1.400 Grundgehalt plus Zulagen. 1.800 bis 2.200 Netto waren für mich immer drin (Steuerklasse 1!). Allerdings hatte ich meine Wohnung nur noch zum Schlafen, wenn ich denn mal zu Hause war. 270-300 Stunden im Monat waren nämlich auch völlig normal.
    Mittlerweile habe ich eine recht moderate Bezahlung (über Tarif) mit ganz annehmbaren Arbeitszeiten. Aber wie gesagt, dafür musste ich erst ein paar Jahre ins trockene Brot beißen.

    Kraftfahrer bedeutet übrigens auch nicht nur “so nen bissken Rumfahren”. Wenn du deinen ersten Sattelschlepper (33 Europaletten zu jeweils 500-600 Kilo) über die Hebebühne mit der Ameise (HANDhubwagen) im strömenden Regen leer gemacht hast und die Paletten einzeln jeweils 100 Meter über einen buckeligen Hof gezerrt hast, denkst du ganz schnell über Alternativen nach ;)

    Aber der Job hat auch seine schönen Seiten. Manchmal. Sonst würde ich ihn nämlich nicht machen.

    Ralfs letzter Blogbeitrag: Nahkampferfahrung

  2. Sven says:

    Ich für meinen Teil fange meist um 5:00 Uhr morgens an, Ende offen (Feierabend ist erst dann, wenn der letzte Kunde auf der Liste abgearbeitet ist, und selbst dann ist noch nicht Schluß: Laden für den nächsten Tag, Papierkram, kurze LKW-Durchsicht etc pp.).
    Du solltest wie Ralf schon sagte Dich von festen Zeiten verabschieden. Auch von humanen Umgangsformen solltest Du etwas Abstand gewinnen (erwarte NICHT, dass man höflich mit Dir umgeht, wenn Du einen Termin hast platzen lassen), und auf jeden Fall mußt Du kotzen können, und zwar in jeglicher Sicht!
    Überlege Dir das gut, ob Du zu dem ausgewählten Kreise der Berufsarschlöcher gehören willst, denn etwas anderes denkt im Straßenverkehr über Dich niemand, und genau so wirst Du auch behandelt.

  3. Ralf says:

    Ganz so drastisch wie Sven sehe ich das ganze nicht. Jeder Schalterbeamte bei der Post wird dir sagen das er am Tag öfters angepöbelt wird. Und das kannst du wahrscheinlich auf 99% der Berufe übertragen die mit Kundenverkehr zu tun haben.

    Aber man sollte sich im klaren darüber sein das man als LKW-Fahrer in erster Linie Dienstleister ist. Man bringt halt Ware von A nach B. Von einem Kunden zum anderen. Da der Kunde bekanntlich König ist, ist man oftmals gleich zweimal der Depp. Das relativiert sich aber wenn man bedenkt das man auch nur ein ganz kleines Rad in einem großen Getriebe ist. Komme ich nicht pünktlich, dann stehen unter Umständen sehr viele Leute rum und haben nichts zu tun. Da kann man schon mal verstehen das die Verantwortlichen nicht gerade wie eine Packung Valium reagieren. Ein dickes Fell gehört heutzutage halt zum Berufsleben dazu.

    Zur Not gibt es ja auch noch die “entspannten” Jobs. Ich kenne eine Firma die bringen täglich Autoteile von A nach B. Feste Ladezeiten, feste Lieferzeiten, feste Strecken, feste Autos. Das sind Routinejobs bei denen nicht viel schief gehen kann. Und wenn doch mal was schief geht (weil z.B. der LKW liegen bleibt), dann gibt es Notfallpläne.
    Mir wäre es aber einfach zu langweilig. Stell dir mal vor du fährst jeden Tag von Aachen nach Stuttgart und wieder zurück. Jeden Tag die gleiche Ware. Jeden Tag die gleichen Gesichter. Jeden Tag die gleiche Strecke. Sicherlich auch kein Traumjob.

    Ralfs letzter Blogbeitrag: Nahkampferfahrung

  4. Maik says:

    Das wichtigste ist, dass Deine Frau dahinter steht. Nur dann geht es. Ausserdem erwarte nicht, dass Du von einem Arbeitgeber mit offenen Armen empfangen wirst. Berufsneulinge haben es schwer eine Stelle zu finden, trotz Fahrermangels.

  5. Marco says:

    @Ralf: vielen Dank für die zahlreichen Infos. In jedem Job gibt es Scheiße, das ist nichts Neues. Die Ameise ist mir wohl bekannt, hab mal in einem Getränkemarkt gearbeitet :wink:

    @Sven: Deine Einstellung kenne ich ja (Deine derzeitige Pechsträhne leider auch). Aber Du machst denn Job ja auch weiterhin und wirst nicht Blätter-im-Park-für-1-Euro-Aufsammler :mrgreen:
    Man merkt beim Lesen Deines Blogs nämlich auch, dass Dir das LKW-Fahren trotz vieler Scheiße Spaß zu machen scheint.

    @Maik: Meine Frau ist etwas unschlüssig, steht aber wohl im Großen und Ganzen dahinter. Das nicht jeder “Hier” schreit, ist auch klar, aber vielleicht übernimmt der Ausbildungsbetrieb einen jam auch erst mal. Vorteil meinerseits im Gegensatz zu den jungen Futzis ist vielleicht, dass ich ja schon ein paar Jahre (unfallfrei) am Straßenverkehr teilnehme. Mal sehen, werde mal eine Anfrage starten.

  6. Sven says:

    Solltest Du wirklich mal einen LKW fahren wirst Du feststellen, dass die Teilnahme am Straßenverkehr mit einem LKW gänzlich anders aussieht, als mit einem PKW.
    Zum einen sind es die Dimensionen, welche Du durch die gleichen engen Straßen bewegen mußt.
    Stichwort Fernfahrer: Bist Du schonmal täglich 8 Stunden Autobahn gefahren?
    Mit einem PKW kannst Du meist zwischen verschiedenen “Fahrstilen” unterscheiden, mit einem LKW jedoch nicht – stell Dir das bloß nicht so einfach vor!
    Kleiner Tipp, wenn Du es wirklich ernst meinst: Sattelzug kann jeder fahren, da das Lenk- und Knickverhalten des Zuges wie bei einem PKW mit Anhänger ist (nur eben “etwas” größer) – versuche vom ersten Tag auf einem Hängerzug zu lernen!
    Dadurch bist Du später wesentlich flexibler.
    An alle reinen Sattelfahrer, das nun folgende ist keine böswillige Unterstellung, sondern vielmehr eine Erfahrung: Hängerzugfahrer können meist besser Rangieren. Der Hängerzug ist zwar länger als ein Standardsattelzug, aber (wenn man es kann) trotzdem besser zu Rangieren.

    Man merkt beim Lesen Deines Blogs nämlich auch, dass Dir das LKW-Fahren trotz vieler Scheiße Spaß zu machen scheint.

    Das ist so eine Sache. Spaß ist relativ. Es ist wahrscheinlich vielmehr die Sucht, große und schwere Dinge zu bewegen. Ich habe schon immer ein extrem großes Auto einem Kleinwagen vorgezogen. Ich mag Panzer unheimlich. Bei Reparaturen am LKW muß man Kraft aufwenden (und braucht keine Angst zu haben, einen Bolzen abzudrehen. Es ist teilweise schwere und körperliche Arbeit mit dem LKW-Fahren verbunden – all das mag ich. Ich bin ein äußerst schlechter Linienfahrer (jeden Tag/Nacht die gleiche Strecke, gleicher Begegnungspunkt, gleicher Begegnungsfahrer, gleiche Rampe etc, da mir das zu monoton ist – ich brauche Abwechslung und Herausforderung, deswegen auch erstmal wieder Nahverkehr mit Hängerzug im Stadtverkehr – das ist definitiv anspruchsvoller als Fernfahrten.

    Du machst den Job ja auch weiterhin und wirst nicht Blätter-im-Park-für-1-Euro-Aufsammler.

    Sind wir nicht alle ein klein wenig masochistisch veranlagt? :mrgreen:
    Sicher, ich mache den Job weiter, auch wenn es mich momentan tierisch ankotzt. Wichtiger ist aber, dass ich meine Familie ernähren kann, und da muß man auch mal die Arschbacken zusammenkneifen, auch wenn es einem enorm gegen den Strich geht. Irgendwo gefällt es mir, tagsüber alleine tätig zu sein, ohne dass mir ständig jemand auf die Finger schaut.

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